Blick aufs Meer, das ganz still daliegt. Von links ragt eine Felszunge ins Bild. Kurz vor dem Horizont sind gerade noch so zwei Bojen erkennbar. Direkt auf der Horizontlinie fährt ein Schiff.


Wenn Leipzig keine Insel wäre

26. Dezember 2025


Der sandfarbene Hund ist von nun an ein unsichtbarer Hund. Als unsichtbarem Hund fällt ihm das Gehen wieder leicht, und vielleicht lernt er sogar fliegen, das wird sich noch zeigen. Auf jeden Fall kann er nun mühelos an mehreren Orten gleichzeitig sein. So sitzt er also gerade auf der obersten Stufe der Ladentreppe vom jelängerjelieber und staubsaugert sich die dezemberkalten Kreuzungsgerüche in die Hundenase, während er zur selben Zeit neben mir auf einem sizilianischen Sonnenfelsen döst, den das Meer umwogt.

Auf einer Postkarte, die seit vielen Jahren in der jelängerjelieber-Küche verbleicht, steht ein Satzanfang, der so schön ist, dass er kein Satzende braucht. „Wenn Leipzig keine Insel wäre“ – weiße Buchstaben auf blauem Grund, sonst nichts. In meiner Vorstellung reicht das Meer um Leipzig schon immer bis ans jelängerjelieber heran. Bei Flut schwappt es manchmal bis auf die zweite Treppenstufe. Dem Hund gefällt das. Er lässt sich auch gern von mir als Gallionsfigur mit dem Kanu durchs Viertel schippern, wenn er vor der Markthalle mit den weißen Mustern auf blauem Grund kurz in eines der Hochbeete umsteigen und darin ein bißchen umgraben darf.

Ich soll vom Hundehospiz zurück ins Reich der Lebenden kommen, aber ich kann nicht. Ich höre Phantomgeräusche, die mich aus dem Schlaf reißen, fast jede Nacht. Pfotenklackern, zwei Zimmer weiter, durch geschlossene Türen. Ich soll Abschied nehmen und trauern, aber auch das kann ich nicht. Ich habe immer noch einen mitlaufen. Und die Asche soll die Strömung erreichen, die alle Meere verbindet, nicht nur das längst verdampfte Meer in Sachsen.

sachsen ist langweilig
ungastlich graurot (die deutschen
können die sachsen nicht leiden nietzsche
konnte das sächsische essen nicht vertragen
das kraut liegt grimmig in den gedärmen gewürzt
mit politik die galle gärt in den leuten wie
altes wasser

Wolfgang Hilbig | Das Meer in Sachsen – Prosa und Gedichte

Der Hund mit den vielen Namen hat sich aufgerichtet, um der Lieblingspostbotin zuzuwedeln, die ausnahmsweise in einem Schwanentretboot ihren Dienst verrichtet. Sie tritt so schwungvoll in die Pedale, dass unser Boot ins Schwanken gerät. „Leg dich hin…“, sage ich leise mit gedehntem e – und schon liegt der Hund wieder flach auf dem Bug. Weiche Befehle, von Anfang an. Als Hund käme es mir auch reichlich verquer vor, ausgerechnet dann eine Ruhehaltung einzunehmen, wenn ein Mensch mit explosionsartigem Wortknall „Platz“ ruft. Weiche Befehle und Handzeichen, die Trennscheiben überwinden können. Jetzt denke ich an Lena, die mir das gezeigt hat, noch bevor wir den Sandwolf an der Tankstelle gefunden haben. Zuverlässig öffnet sich der große Graben Sehnsucht vor mir.

Ich muss noch einen Karton mit Spezialfutter und Medikamenten abgeben. Aber das fügt sich in unseren Wasserweg wie gesunde Reißverschluss-Zähne ineinander, seit die Tierarztpraxis vom Adler in die Elsterpassage gezogen ist. Ich setze den Bug mit Schwung auf die Zufahrtsrampe zur Parkgarage und hänge die Seilwinde ein. Der Hund springt gekonnt ab und tippelt voraus. In der Praxis läuft uns die Lieblingsärztin entgegen, die den unsichtbaren Hund womöglich noch sehen kann. „Ach, Methusalem…“, sagt sie mit warmer, beruhigender Stimme und streckt die Hände aus. Diese sanften, erfahrenen Hände, die uns das Ende so leicht gemacht haben, dass ich wünschte, ich könnte mich in einen Hund verwandeln, wenn es Zeit dafür ist.