Florian Berger und Eva Olivin sitzen auf einem baufälligen Fenstersims, die Sonne lässt Eva Olivin fast körperlos erscheinen.

Drahtseilakt

11. Dezember 2018


Schon seit einigen Jahren spuckt der Eckladen Töne und pfeift gegen den Wind. Doch seit einer chaotischen Nacht im Winter 2016 verschnüren Florian Berger und Eva Olivin als Duo studio fatal die Wechselbass-Ausraster zu samtgepolsterten Päckchen. Der Lieferwagen ist recht konkret beladen: Klavier und Gitarre, Mandoline und Glockenspiel, Tuba und Tamburin im Kofferraum, ein Kontrabass auf der Rückbank und auf dem Dachgepäckträger ein paar gekidnappte Orchester-Musikerinnen. Eine Gleichung mit 2 Unbekannten ist dagegen das Reiseziel: Gejagt wird ein Soundtrack für einen Film, an den noch niemand denkt.

Florian fährt sanft an und beschleunigt auf Reise-Geschwindigkeit.
Eva entdeckt Sperrmüll auf der anderen Seite der Schnellstraße.
Florian schaltet runter und fährt Umwege, sie rumpeln über einen Bahnübergang, Eva blinkt.
An der übernächsten Weggabelung sollte eigentlich ein Leuchtturm sein. Stattdessen warten Tramper an der Raststätte. Sie werfen ein paar Taler für den Klavierstimmer in den Tank.


Pflastersteinpicknick mit Besteck im Querflöten-Koffer

Schaufensterpolka & Bordsteinblues

15. Mai 2017


Das neurotische Piano zückt erneut den Quirl und lädt im zweiten Jahr zu wilden und milden akustischen Improvisationen im Salat-Bett. Für den Haupt-Gang werden am 1. Juli 2017 von 11 bis 21 Uhr drei Gitarren, ein frisches Banjo und gemischtes Percussionwerk zum Sieden gebracht und am Tellerrand mit Glockenspiel garniert. Empfehlung des Hauses: Paar-Tanz im Kreuzungsbereich passt wesentlich besser zu Ananas als Ruhestörungsempörung.


Maus aus Metall im Schaufenster

Menschen und Mäuse

11. April 2017


Auf dem Weg durch Plagwitz flitzt eine Maus neben meinem Fahrrad her. Kurz verschwindet sie unter einem Palettenstapel, auf Höhe der Trampolin-Anstalt verliere ich sie gänzlich aus den Augen, doch schon taucht sie einige Meter vor mir wieder im Heckenrosen-Gestrüpp auf. Seltsam, sie scheint dasselbe Ziel zu haben, nimmt sie doch geradewegs Kurs aufs jelängerjelieber. Noch seltsamer ist, dass der Hund, der neuerdings eine Katze sein möchte, keinerlei Absichten hegt, sie zu jagen. Als ich den Laden aufschließe, sehe ich sie gerade noch in ein Erdloch unter dem Kreuzungsbaum schlüpfen.

Eine Kanne Kaffee, 600 Gramm gesiebten Beton und zwei Stunden Videoschnitt später höre ich ein respektables Kreischen. Ein kleines Mädchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestikuliert wild in Richtung der Baumwurzeln, doch die Eltern lassen sich nicht erweichen: „Egal, ob du Mäuse oder weiße Tiger siehst, wir gehen in jedem Fall zum Zahnarzt, Melanie!“

Auf dem Weg zum Briefmarkenfachgeschäft kreuzt ein freilaufendes Buch meinen Weg. Ich schlage es testweise irgendwo in der Mitte auf und lese erstaunt: Die Vorhaben von Mäusen und Menschen gehen meistens schief.


Wiesenpicknick mit Percussion-Geschirr

Schaufensterpolka & Bordsteinblues

20. Mai 2016


Oder: Sommerpicknick mit Instrumenten! Es wird aufgetischt: flüssige und feste Nahrhaftigkeiten; Tasten-, Blech- und Saitengerät nebst Verstärkendem sowie eine mittelgroße Portion Zeit. Das jelängerjelieber stimmt für die experimentellen akustischen Begegnungen am Freitag, den 27. und Sonnabend, den 28. Mai 2016 schon mal Nachbar*innen, Abendtemperaturen und das neurotische Piano milde. Bon Appetit!


Menschen und Rehe im Projektraum jelängerjelieber

Tag der offenen Ateliers

12. Oktober 2015


Absichtsvoll oder versehentlich, kontexthungrig oder kunstüberdrüssig: Am 11. Oktober 2015 von 14 bis 19 Uhr servieren Robert Verch und Eva Olivin Kaffee und Auskünfte. Letztere sind beim weit herumgekommenen Publikum der Offenen Ateliers deutlich mehr nachgefragt und wir provozieren selbstverständlich lieber einen Kultur- als einen Kaffeeschock. Die Fragen stellen sich offensichtlich von selbst.

Müssen die Rehe so kaputt sein?
– Nein, das ist eine übliche Nebenwirkung von Kunst im öffentlichen Raum.
Hat diese Uhr absichtlich keinen Stundenzeiger?
– Ja.
Könnt ihr von eurer Kunst leben?
– Nein, nicht annähernd.
Und ihr macht das trotzdem?
– Wir versuchen es einfach weiter.
Könnt ihr das Projekt mit dieser Überwachungsstation mal kurz erklären?
– Nein, ganz kurz geht das leider gar nicht. Aber es gibt noch Kaffee! Und eine Internet-Seite zum Projekt Die Untersuchung.
Ihr seid neu hier am Adler!
– An der Entstehung des Universums gemessen, ja.

Ein schöner Sonnentag. Mit einem für die Kunst ungewöhnlich pünktlichem Feierabend.


Pigmente, Reagenzgläser und Glas-Phiolen im Schaufenster

Ouvertüre ohne Fanfare

11. April 2015


[mit einem Trommelwirbel beginnen]

Die Tür ist kaputt.

[nun bedächtig auf den Geigensaiten zupfen]

Der zuständige Handwerker hat sich nach halb getaner Arbeit in Luft aufgelöst. Leider verhalten sich im Falle einer Tür-Reparatur die Begriffe „halb“ und „gar nicht“ synonym. Wo ist er hin? Was ist passiert? Meine Mutmaßungen schmecken mir auch mit viel Ketchup nicht.

[ein paar vorlaute Flöten, eine müde Oboe und dazu immer mal auf die Pauke hauen]

Der Tag der offenen Tür ist ein allseits beliebtes Format, um Aufmerksamkeit zu erregen – und ein völlig überflüssiges noch dazu. Seit etlichen Wochen veranstalten wir die Tage der doppelt verschlossenen Tür und es bleibt nur staunend festzustellen: Je verschlossener der dysfunktionale Eingang und je aufwendiger das Verfahren, ihn für Herannahende zu öffnen, desto größer und be­stimmter der Andrang und umso kurioser die Anliegen der Hinzugeeilten. Das Ladenlokal, das tatsächlich weder polnisch-schlesische Lebensmittel anbietet, noch spät in der Nacht ein paar Flaschen Bier gegen „was anderes Schönes“ eintauscht oder professionelle Beratung für Alkoholiker oder Kinderbetreuung organisiert, scheint nutzlos zu sein.

Als Projektionsfläche für die Bedürfnisse des Viertels bezeichnet eine befreundete Sozialpädagogin den Effekt, den Lage und Leuchtkraft dieses Ortes über die Schaufenster transportieren. Noch während sie die letzten Silben dieses Satzes aneinanderreiht, wird erneut an der Tür gerüttelt. Der Schlüssel versteckt sich unter einem Haufen alter Dias, zwei Umdrehungen später stolpert ein Mann hinein. „Ich möchte einige Gemälde verkaufen und dafür neue erwerben. Das ist doch hier mit Kunst…?“
Wieder nix. Nach den Gesetzen des Marktes ist dieser Ort ausgesprochen nutzlos.

[Stille]


Material-Collage zum Thema Arbeitskritik

Prekäre Party

22. November 2014


Problematisch perforiertes Privatleben.
Penetrant pulsierendes Pech.
Prognostizierte Pleite?

Die Anschlussparty zur Langen Nacht der Prekarität behandelt die Symptome prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse kurzentschlossen mit menschlicher Wärme und Pfeffi. Gegen musikalische Mangelernährung engagiert sich Klaus an den Abspielgeräten, für die langfristige Versorgung stellen wir extrem gute und sehr günstige Mixtapes her. [Zwei neunundneunzig! Das ist ein Top-Preis für so’ne Kassette! – Fabienne Blunck]. Für Menschen mit Allergien auf grüne Getränke gibt es auch noch gelbliche, orangefarbene und farblose Flüssigkeiten an der Bar und geraucht werden darf auch. jelängerjelieber.


Junge Menschen bereiten ein Spielzeugauto-Wettwickeln mitten auf der Straße vor.

Kaffee und Kuchen im Krisengebiet

08. Oktober 2014


Längst sind die sichtbaren Spuren des Geschehens verschwunden. Die Stände und Bühnen sind abgebaut, die Kabel eingerollt, der Müll ist bezwungen. Die Krähen kümmern sich noch um die restlose Entsorgung der Zuckerstreusel und Kokosraspel, die den Asphalt versüßen. Jetzt sieht es hier wieder aus wie sonst auch: eine Nebenstraßenkreuzung, trist und gewöhnlich. Rechts vor links. Aber eben nur im Sinne der Straßenverkehrsordnung. In den Gesprächen im Viertel ist er noch allgegenwärtig, dieser Tag leichtfüßiger Ko-Existenz aller Gegensätze, dieses fulminante Kreuzungsfest Nummer 1. Auf der Bühne Gangsta Rap mit ein­ein­deutigen Texten – auf der Bierbank alte Omas mit Kuchen. Sie wippen rhytmisch. Warum auch nicht? Eine Kreuzung für alle – Freiräume für Kinder und Jugendliche, so heißt die Kundgebung, die Anlass für das erste Kiez-Festival am Adler war. Was ja nicht heißt, dass alte Omas nicht auch von diesen Freiräumen profitieren dürfen.

„Da gehen wir sowieso nicht hin. Da sind wir Kleinmesse.“, sagten die Jugendlichen, die zwar Freiräume brauchen, aber kein Interesse an einem Straßenfest im toten Winkel haben, wenn sie auch Achterbahn fahren könnten. Oder Autoscooter. Muss man verstehen. Und dann waren sie irgendwie doch alle da und packten mit an. Seither reden sie oft von dem Tag, an dem sie nicht die Einzigen waren, die auf dieser Kreuzung lagen und lachten.


Detail der Ausstellung No Go Area mit Kartenmodell, spiegelverkehrtem Text und einem winzigem Rückspiegel an der Wand

No Go Area | Rückeroberung mit künstlerischen Umgangsformen

28. September 2014


Im Kreuzungsbereich Siemensstraße und Wachsmuthstraße im Leipziger Westen prallen seit längerem verschiedene Bedürfnisse aufeinander. Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht Schüler der Mittelschule „Am Adler“ sind, dürfen im Jugendclub „Am Adler“, der Räume im Schulgebäude nutzt, nicht mehr eingelassen werden und halten sich im erweiterten räumlichen Umfeld des Club-Eingangs auf. Zeitweise hindern Security-Angestellte diese Jugendlichen am Zutritt zum Club und sichern das Schulgelände. Genau an der Befugnisgrenze der Sicherheitsfirma sammeln sich täglich die Abgewiesenen und verbringen dort ihre Zeit. Die hinterlassenen Spuren ihrer Anwesenheit erzürnen Anwohnerinnen und Hausbesitzer gleichermaßen. Aufgrund angestammter und liebgewonnener Reviere bleibt trotz zunehmend eskalierender Verhältnisse nur der Kreuzungsbereich als Aufenthaltsraum. Unser Projekt thematisiert die Situation mit den Jugendlichen und bearbeitet ihr Raumbedürfnis mit künstlerischen Mitteln. In 8 Projektsitzungen erarbeiten und entdecken wir mit den Teilnehmenden spazierend, kartographierend, zeichnend, fotografierend, performend und textend unterschiedliche Zugänge zu ihrem Kiez. Wir probieren die verschiedenen künstlerischen Strategien gemeinsam aus und setzen die Erfahrungen in den Kontext zeitgenössischer Kunst und künstlerischer Praktiken. Die Ausstellung No Go Area bereitet die Erlebnisse des Workshops auf und will die unkonventionellen Ansätze der Nachbarschaft zugänglich machen.

Konzept und Umsetzung: Robert Verch & Eva Olivin
Das Projekt wird gefördert im Rahmen von:
Das fliegende Atelier – Bewegung Kunst
BBK Leipzig e.V.


Textile Schaufensterpuppe mit langem Pony und aufgemalten Lippen

Unbekannte aller Liquiditäten – meldet euch!

13. Januar 2014


Nicht alles, was anfangs nach Existenzangst und Abschied riecht, entpuppt sich nachher als tatsächliches Fiasko. Kaum verliert man die Arbeitsraum-Partnerin und damit auch die Miete-Mitzahlerin, kribbelt es unangenehm in den Zehen. Bevor die Sorge jedoch in die Kniekehlen aufsteigen und ratzefatze den kompletten Überlebensapparat lahmlegen kann, erhält man ganz unerwartete Antworten auf die anachronistischste aller Mobilisierungs­formen: die Annonce.

Das jelängerjelieber sucht ab sofort zwei neue Mitmieter*innen. Für 70 Euro pro Monat steht im Ladenlokal Raum für alle möglichen Nutzungsinteressen zur Verfügung, von digitaler Denkarbeit bis zu performativem Legetrick ist alles verhandelbar. Allerdings ist die Lage des Ladens so famos, dass auch die im Kiez ansässigen Jugendlichen ihr Leben dem Trottoir vor der Tür widmen und die Ruhe der Natur nur vormittags unbescholten genossen werden kann. Wer Lust hat, bei Kaffee und Keks oder Schnaps und Gurke die Räume zu besichtigen und das Terrain zu sondieren, der oder die melde sich flugs.

Textile Schaufensterpuppe mit aufgemalten Lippen und Wimpern

Und dann sind die neuen Mitstreiter*innen gar nicht unbekannt, sondern altbekannt und überaus gern gelitten. Im frischen Wind kann man sich die Haare fönen und auch wenn nichts für ewig garantiert wird: das jelängerjelieber bleibt. Muss ja.


Wand mit seltsamen Gegenständen in Petersburger Hängung

Auf der anderen Seite

06. August 2013


Ganz unvermittelt sind wir in einen Krieg geraten. Ich hatte gar keinen bestellt und auch angezettelt hatte ich ihn nicht – zumindest nicht wissentlich. Und doch hatte irgendeine seltsame Mixtur aus städtischer Sparpolitik und jugendlichem Selbstbehauptungsdrang eine Eigendynamik entwickelt, die das unverkennbare Potential schuf, unser Allzweck-Arbeitsraum-Inselchen in Schutt und Asche zu legen.

Ich übertreibe? Nein.
Das kann doch gar nicht sein? Doch.
Stell‘ dir vor, du sitzt im Glashaus – große Schaufenster zu zwei Seiten schaffen nunmal eine gewisse Transparenz – und draußen auf der Kreuzung vergnügen sich annähernd 30 Jugendliche damit, die ohnehin schon funktionsgestörte Sicherheitsjalousie, die eher unvorteilhaft die Eingangstür verhängt, mit allem einzudreschen, das sie finden können. Klar, das kann ja mal passieren, denkst du dir. Hormonstau, vielleicht. Oder was Schlechtes gegessen. Also machst du deutlich, dass du keine Schaufensterpuppe, sondern ein denkendes und hoffentlich auch weise handelndes Lebewesen bist, stehst auf und winkst. Großes Gejohle auf der anderen Seite der Scheibe. Manche Damen, die sich eben noch im Spiegelbild des Schaufensters die Haare nachfrisiert haben, schrecken zusammen und kreischen ob deiner Beweglichkeit. Es kommt zur ungefilterten Begegnung. Vis-à-vis. Ungünstigerweise bist du zwei Köpfe kleiner als die Spargeltarzane, die sich dir entgegenstellen. Egal, sprichst du halt in die zukünftige Brustbehaarung deines Gegenübers.

Du machst ein aus deiner Sicht faires Angebot: Ihr könnt hier sehr gern weiter rumlungern, euren Müll in alle erdenklichen Ritzen stopfen, eure Liebes-Biographien auf die Treppe und die Fassade rotzen und unerträglich viel Lärm verursachen, solange ihr die Hardware da lasst, wo sie hingehört! Das formulierst du vor dem Aussprechen noch schnell um: Ihr könnt euch gern hier aufhalten, aber sobald ihr euch ein zweites Standbein als Abriss-Unternehmen aufzubauen versucht, endet meine Gastfreundschaft! Es scheint fast so, als wäre die Botschaft angekommen. Sie unterschreiben die Vereinbarung mit frischer Spucke auf deinem Schuh.

4 Wochen später

Die Jalousie ist mittlerweile gefallen, die Schaufenster sind vorerst ausreichend mit Schlammabdrücken gezielt dagegen geschroteter Fußbälle markiert und den literarischen Ergüssen einer bisher zu unrecht geringschätzten Form assoziativer Kurzprosa – im Stil von [Paula ist eine Hure / Paula ist hässlich / Schatz…! Ich liebe dich! (T) von Lisa / Karim war’s] – ist endlich eine interaktive Form der Anwohner-Einbindung hinzugefügt worden:

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Nur irgendwie hat es noch niemand geliked. Haben die Autor*innen möglicherweise selbst eine kritische Distanz zu ihrem Werk? Nein, sie schießen nur zur Abwechslung mal Flaschen und Fußbälle auf parkende Autos. Also Entspannung, du hast ja kein Auto mehr, das du hier parken könntest. Nachdem du dank deiner guten sozialpädagogischen Kinderstube alle Angebote deiner Freunde, maskierte Schlägertrupps vorbeizuschicken, abgewehrt hast, verfällst du auf die subtilste aller kriegerischen Strategien. Du verbündest dich mit den Pädagog*innen ihres Schulclubs, planst gemeinsame fröhlich-friedliche Fest-Aktivitäten, kurzum: Du machst dir die Horde minder reflektierter, dafür stark frustrierter Outdoor-Aktivisten langsam, aber sicher zu Freunden. Ohne ihr Einverständnis, versteht sich.

Und weil die Sommerferien so eine wunderbar rudelsprengende Wirkung haben, kommst du sogar wieder zum arbeiten. Oder zu etwas, das entfernte Ähnlichkeit damit hat. Aus dem Regal gefallene Gegenstände an die Wand nageln, vielleicht. Das sieht sogar durch ein Schaufenster mit Fußball-Abdrücken ganz ansehnlich aus.


kleiner Raum mit Piano

Mein blaues Wunder

04. Juli 2012


Mit jeder Zigarette, die ich auf den Stufen vor dem Atelier rauche, während ich das Treiben auf der Kreuzung beobachte, bleibt die Zeit stehen. Mürrische Väter, die quengelnde Kinder hinter sich herschleifen, halten inne und streicheln den kleinen sandfarbenen Hund, bis sie von ihren Kindern zum Aufbruch gemahnt werden. Nachbarinnen unterbrechen ihre Wege durchs Viertel für ein kurzes Gespräch und erzählen Geschichten von Grünpflanzen und Gerichtsterminen, von früher ansässigen Geschäften und Schnaps in Gartenlokalen, bis die Sonne untergegangen ist und die Nachtkälte in die Häuserschluchten einsinkt. Versicherungsmakler, Hausmeister, ehemalige Mieter des Ladenlokals – sie alle verharren für eine Zigarettenlänge an diesem Ort und erzählen die unglaublichsten Dinge.

Am späten Nachmittag bleibt eine ältere Dame vor meinem Rauch-Treppchen stehen. „Sie entschuldigen,“, sagt sie, „können Sie mir vielleicht Auskunft geben? Wie kann man solchen Laden mieten?“
Ich rate ihr, die jeweilige Hausverwaltung zu kontaktieren, notfalls, indem sie sich bei anderen Mieter*innen nach den Kontaktdaten erkundigt. Dann beschreibe ich ihr die Fläche und die Konditionen. Sie blickt unschlüssig, also bitte ich sie herein und zeige ihr die Räume, damit kein sprachliches Mißverständnis aufkommt. Sie streicht mit der Hand über die Holzplatten der Arbeitstische, inspiziert das Bad und nachdem ihr Blick auf das Klavier in meinem Zimmerchen gefallen ist, überschlägt sich ihre Stimme fast, als sie fragt: „Spielen Sie?“ „Ja…, nein. Ich versuche, es zu lernen.“, antworte ich. Ihre Finger schlagen prüfend ein paar Tasten an. „Ich war Klavierlehrerin,“, erwidert sie stolz und ihr ganzer Körper nimmt eine aufrechtere Haltung an, „meine Tochter Pianistin am Orchester in Moskau. Wollen Sie Unterricht?“
Ich bin zugleich überrumpelt und überzeugt. Doch noch bevor ich zu einer Antwort ausholen kann, bemerkt sie meinen russischen Notiz-Zettel. „Sie sprechen Russisch?“, fragt sie ungläubig, aber mit fordernder Strenge. „Nein…, naja – ich versuche, auch das zu lernen.“ Ein russischer Wortschwall geht auf mich nieder. Sie fuchtelt mit den Armen, versprüht Enthusiasmus mit hohen Erwartungen. „Nein, nicht so schnell, so gut bin ich nicht…“, versuche ich, sie zu bremsen, aber sie vollführt eine rasante Drehung im Raum und bellt mich voller Überzeugung an: „Sie brauchen russischen Klavierunterricht!“
Sie bestellt mich für den nächsten Tag zu ihr nach Hause und schenkt mir ein Milchspeise-Eis.


Skelett mit Hut am Telefon

Einbeinige Banditen – ein Nachruf

04. Juli 2012


Paul, seit mehreren Jahren treues Arbeitszimmer-Skelett, ist mucksmäuschenstill und ohne Wirbel oder Fingerglieder zu hinterlassen, von uns gegangen. Vielleicht war ihm, dem die akademische Vergangenheit in den Schädel geschrieben stand, und der bis zuletzt einen seltsam chemischen Duft verstrahlte, der tatsächlich besser in die anatomischen Kabinette der Technischen Universität Dresden zu passen schien, das Leben in Wohngemeinschaften, Projekträumen und Ateliers zu bunt geworden. Vielleicht wollte er, obwohl es um seinen Gesundheitszustand längst nicht mehr zum Besten stand und seine Mobilität seit dem Unterschenkelverlust stark eingeschränkt war, noch einmal richtig um die Häuser ziehen. Alte Freunde besuchen? Flotte Gerippchen kennenlernen? So überrascht und entsetzt wir von seinem radikalen Weggang auch sind: Wir wünschen ihm Glück da draußen, solide Weggefährten und allzeit gute Fahrt.

PS: Du hast deine Halskrause vergessen. Und du weißt, dass du bei uns jederzeit willkommen bist, falls du zurückkehren möchtest. Halt die Ohren steif, Paule.