
Öffentliche Verhandlungen
03. Oktober 2025
Ein extrem höflicher Mann fragt, ob ich sein Smartphone eine Weile im Atelier aufladen könne. Kann ich. Der Akku steht bei 4 Prozent, auch der Mann sieht sehr erschöpft aus. Im letzten Sonnenstrahl des Tages spaziert der Mann davon und ich lese Manon Garcias Überlegungen zum Pelicot-Prozess weiter. Eine halbe Stunde später ist er schon wieder da. 24 Prozent. Ist das gut? Er freut sich und lässt sich um keinen Preis davon abbringen, mir einen Euro dafür zu schenken. Mann weg, Sonne weg, Heimweg.
Während am Adler die Kunst des Fassaden-Kommentars rückläufig zu sein scheint, wird im Rest von Schlindewitz umso heftiger um das letzte Wort an der Wand gerungen. In seltenen Fällen gewinnt kurzzeitig eine der Firmen mit Ex im Namen. Aber auch deren Mitarbeiter*innen müssen doch grinsen, wenn kurz darauf „Wer streicht hier so oft?“ an die getünchte Stelle gesprayt wurde. Oder?
Mit einem 22-jährigen Hund, der mir Nachhilfe darin gibt, die Langsamkeit auszuhalten, zieht es meinen Blick öfter auf die Kommentarspalten des Viertels als auf jedes andere Meinungsmedium. Der Mauerabschnitt, auf dem sich ‚Saufen‘, ‚Crew‘ und ‚Kuschelkater‘ ganz nahe kommen, gefällt mir im Winter ganz gut. Sind ‚Tumor‘ und ‚Paris‘ die Alternativen des Frühlings oder wollen sie trotz Lücke in einer Tour gedacht werden? Dann taucht ‚Nie wieder Thomas‘ auf. Ist das ein schlagkräftiges Argument für Komma-Setzung wie im Fall von „Gleich essen wir Oma“ – oder ein spätsommerlicher Vorsatz für den Rest des Jahres?
Am meisten mag ich die kleinen rechteckigen Aufkleber mit geschwungener Handschrift, die sich Mauernischen, Fallrohre, Straßenschilder, Mülleimer und Stromkästen zum Festhalten ausgesucht haben. Diese unzähligen Sticker, die in Summe davon erzählen, wie schlecht ein Herz heilt, wenn es keine Antworten hat. Nur ein Gedanke, ein Bekenntnis, eine Frage je Sticker – und keine einzige Dopplung in all den Jahren. Halt durch, Stickerschreiber*in, denke ich manchmal, du fühlst gar nicht zu viel. Die anderen fühlen zu wenig.

Natürlich wird auf den Mauern der Stadt auch um Deutungshoheit über den Gaza-Krieg gestritten. Doch verglichen mit dem, was die Insel Leipzig sonst noch zu bieten hat, wirkt die Debatte im Häuserkampf nuanciert, fast schon ausgewogen. Kein Mißverständnis, kein Zufall. Mit dem Slogan „2 Jahre Genozid – 2 Jahre Widerstand“ mobilisiert die mit der Hamas sympathisierende Gruppe Handala für eine Demo – zum zweiten Jahrestag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel. „Wer gegen israelische Kriegsverbrechen und den Hamas-Terror sowie für einen Waffenstillstand und die Freilassung aller Geiseln demonstrieren möchte, bestenfalls an der Seite von israelischen und palästinensischen Menschen, findet in Leipzig nur schwer irgendwo Anschluss.“, schreibt René Loch in der LZ. Und das stimmt. Aber es gibt euch doch, ihr seid doch noch da draußen und sucht diesen Anschluss… Oder?
Noch händeringender suche ich mit einem 22-jährigen Hund, der mir Nachhilfe darin gibt, die Ungewissheit auszuhalten, ein neues verträgliches Futter. Manchmal auch Feuchttücher, Handtücher, Taschentücher. Manchmal Wärme und Schutz im kältesten Kapitel der Nacht. Ein Teil der Dinge lässt sich finden. Ein anderer findet mich. Das hilft ungemein, nur gegen die Auswirkungen der grauenhaften Futterumstellung hilft bisher nichts. Der schmale Hund wird immer schmaler, während die Angst immer breiter wird. Schon wieder Pfoten und Tränen abwischen, schon wieder ein Morgengrauen mit Desinfektionsmittel. Beschissenen Tag der deutschen Einheit, allerseits… Flüstern, kuscheln, wegdösen. Kopf hoch, Treppe runter. Dann suchen wir in Zeitlupe die Häuserwände ab, der uralte Hund und ich. Denn irgendwo müssen noch ein paar von den ‚unteilbar‘-Schriftzügen und den ‚Leave No One Behind‘-Graffiti sein. Oder?
Das Gericht in Avignon, das sich nicht auf den Fall vorbereitet hatte, dass Gisèle Pelicot die Möglichkeit ablehnen würde, den Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen, ist von dem Ausmaß der öffentlichen und journalistischen Aufmerksamkeit überfordert. Der Verhandlungssaal ist zu klein, um das Gericht, die Angeklagten, ihre Anwält:innen, die Nebenklägerinnen, die Journalist:innen und die Zuschauer:innen aufzunehmen. Es wurde beschlossen, dass das Publikum den Prozess von einem Übertragungsraum aus verfolgen soll. Aber auch dieser Raum ist zu klein […] Als ich nach drei Tagen im Übertragungsraum dank einer Akkreditierung schließlich in den »echten« Saal eintreten kann, erkenne ich das Ausmaß all dessen, was ich nicht gesehen, nicht gefühlt, nicht verstanden habe.
Manon Garcia | Mit Männern leben – Überlegungen zum Pelicot-Prozes

Keine Zeit zum Arbeiten
07. März 2024
Ich weiß nicht, wie das passieren konnte: Seit Monaten habe ich nicht mehr an das außerordentlich schöne Wort Schnulli gedacht, dafür überfällt es mich 01:14 Uhr im Bett mit der gnadenlosen Gewalt von Heißhunger auf Apfelmus. Ich kann überhaupt nicht mehr aufhören, Schnulli zu denken. Ein Denkmal für Schnulli direkt aufs Gelände des demnächst abzureißenden Völkerschlachtdenkmals und bei der feierlichen Einweihungsrede kein Wort sagen, stattdessen Schnulli aus den Hosentaschen zutage befördern: Schnipsgummis; Streichhölzer; Lüsterklemmen; Reißzwecken; diese ummantelten Drähtchen, die originalverpackte Kabel zusammenhalten, aber trotzdem nicht Kabelbindedrähtchen heißen… Ein Schnulli-Berg so hoch wie Mont Klamott – irgendwann schlafe ich ein.
Am nächsten Morgen bin ich immer noch verliebt. Ich erhalte einen Anruf mit einer Auftragsanfrage und erst als das Gespräch beendet ist, merke ich, dass ich gesagt habe: Tut mir leid, momentan habe ich keine Zeit zum Arbeiten. Und das trifft es exakt. Haufenweise Schnulli ist schuld daran und ich freue mich wie ein Kind, das den Gästen der Eltern die Schnürsenkel der vor der Tür abgestellten Schuhe paarfremd verknotet hat, über den herrlichen Klang der Ursache meiner Arbeitsunfähigkeit. Bitte verzeihen Sie den Betriebsausfall, ich muss leider 24/7 lachen. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt? Ich möchte doch lieber Schnulli-Beauftragte sein oder einen Verein zum Schutz des Schnullis gründen. Noch während ich kichernd im Raum eine Schnulli-Zählung erhebe, überfällt mich die Angst vor den besorgten Bürgern: Was, wenn die herzlosen Pfosten vom Verein Deutsche Sprache Schnulli längst zu ihrem Wort gemacht haben? Was, wenn sie sich Jahrzehnte vor dem Verteufeln gendersensibler Sprache sogar mein heißgeliebtes Wort Krimskrams unter den Nagel gerissen hätten? Ich kappe sicherheitshalber die Internetverbindung und vertreibe mir die Zeit im selbstauferlegten Recherche-Verbot mit Ernst Jandl.
Die Schnulli-Phase legt sich irgendwann. Mein Bedarf nach Wörtern, die dem Verein Deutsche Sprache im Hals stecken bleiben würden, legt sich nicht. Manchmal denke ich mild und höchstens ein bißchen wehmütig an meine Weggefährten der Nullerjahre – ein Schelm, wer jetzt Schnulli-Jahre denkt – an die Menschen, mit denen mir gleichzeitig Rastlosigkeit und Heimat auf engstem Raum möglich war. Manchmal denke ich an die Farben schwelb, grocker und gaun – und an eine blumige Biografie voller frei erfundenem Krimskrams, die mir ein Freund schrieb, der wusste, dass ich eher Asphaltschluckerin als Malerin werden würde. Manchmal frage ich Leute, die irgendwas mit Literatur oder Sprachwissenschaft am Hut haben, ob sie ein deutsches Wort kennen, dass die gleichzeitige Empfindung von etwas Schlimm-Schönem ausdrücken kann. Etwa ein Drittel kann mein Anliegen nachvollziehen, niemand kann mir weiterhelfen. Wir brauchen dringend neue Wörter, Olaf. Doch obwohl ich manchmal glaube, ich würde eher zu 70 Prozent aus Wörtern als aus Wasser bestehen, bleibt das Blatt leer. Meine Sprache verlässt mich, sogar die heruntergekommene. Monate später schreibt mir einer, der immer daran zweifelt, ob er mir überhaupt schreiben sollte, er würde des Nachts für zwei Firmen gleichzeitig arbeiten und parallel noch neue Worte erfinden. Ich beiße sofort an und bestelle drei Stück. Ganz kurz verhandeln wir über das Genre, wenige Minuten später wird schon geliefert: Sie sind sehr gut.

Eskalator im Museum
10. März 2023
Als 2020 das Kunstwerk Eskalator entstand, wussten wir noch nicht, wie lange es ein virtuelles Werk bleiben sollte: Zugänglich nur auf seiner Internetseite – und aufgebaut an seinem Bestimmungsort für einen einzigen Tag, damit wir ein paar Bilder machen konnten. Seitdem lagerte es in den Tiefen des Museums-Archivs. Dort haben wir Eskalator regelmäßig besucht, gepflegt und immer wieder versprochen, dass die Aussstellung kommen würde.
Drei Jahre hat es gedauert, aber jetzt ist es soweit: Vom 13. bis 21. Mai 2023 steht Eskalator im Licht der Öffentlichkeit – anlässlich der Museumsnacht und der Tage der jüdischen Kultur. Wobei es genau genommen das Licht des Spiegelkabinetts im smac ist, in dem Eskalator zu sehen sein wird. Oder zu hören? Womöglich entdecken zuerst die Ohren den Tonapparat, der sie in der Zeit zurückführt: in die Klänge der Abteilung „Sprechapparate und Platten“ vom Kaufhaus Schocken in den 1930er Jahren.
Eskalator ist eine von vier künstlerischen Interventionen, die nach unverstaubten Perspektiven auf die Dauerausstellung suchen. Wir sind nicht nur zutiefst erfreut, unsere Kompliz*innen und ihre Werke im smac zu erleben, sondern müssen uns sogar immer wieder selbst zwicken, um sicher zu sein, dass es jetzt wirklich passieren wird. Wir glauben aber, dass es einen Trick gibt: Es wird so richtig greifbar, wenn ihr auch dabei seid!

Archäologie im Kaufhaus
01. April 2022
Das smac will vielfältiger und inklusiver werden. Auf dem Weg zum Museum für alle richten die Museumsmacher*innen deshalb ihren Fokus auf die Meinungen und Erfahrungen von Menschen, die sich von der Institution Museum bisher kaum angesprochen fühlen oder beim Besuch auf Hindernisse stoßen. Vier künstlerische Interventionen werden ihren kritischen Blick auf das Museum und die Dauerausstellung unterstützen: Wo gibt es Probleme beim Verständnis oder beim Zugang? Wer spricht über wen? Und was fehlt?
Mit unserem Projekt studio fatal treten wir im Schwerpunkt Sprache, Literatur und Musik an. Als akustische Verbeugung vor der Geschichte des Chemnitzer Kaufhauses Schocken haben wir einen zeitlosen Tonapparat gebaut und sieben Kompositionen aus historischem Garn gestickt. Die Präsentation vor Ort im Museum hat nach vielen Monaten Corona-Aufschub noch keinen neuen Platz im Kalender, aber wir haben in der Zwischenzeit eine Alternative gezaubert: Das Mixed-Media-Werk Eskalator könnt ihr schon jetzt im Netz erleben – und das Konzept-Album Eskalator bei Bandcamp anhören und bestellen!

Drahtseilakt
11. Dezember 2018
Schon seit einigen Jahren spuckt der Eckladen Töne und pfeift gegen den Wind. Doch seit einer chaotischen Nacht im Winter 2016 verschnüren Florian Berger und Eva Olivin als Duo studio fatal die Wechselbass-Ausraster zu samtgepolsterten Päckchen. Der Lieferwagen ist recht konkret beladen: Klavier und Gitarre, Mandoline und Glockenspiel, Tuba und Tamburin im Kofferraum, ein Kontrabass auf der Rückbank und auf dem Dachgepäckträger ein paar gekidnappte Orchester-Musikerinnen. Eine Gleichung mit 2 Unbekannten ist dagegen das Reiseziel: Gejagt wird ein Soundtrack für einen Film, an den noch niemand denkt.
Florian fährt sanft an und beschleunigt auf Reise-Geschwindigkeit.
Eva entdeckt Sperrmüll auf der anderen Seite der Schnellstraße.
Florian schaltet runter und fährt Umwege, sie rumpeln über einen Bahnübergang, Eva blinkt.
An der übernächsten Weggabelung sollte eigentlich ein Leuchtturm sein. Stattdessen warten Tramper an der Raststätte. Sie werfen ein paar Taler für den Klavierstimmer in den Tank.

Schaufensterpolka & Bordsteinblues
15. Mai 2017
Das neurotische Piano zückt erneut den Quirl und lädt im zweiten Jahr zu wilden und milden akustischen Improvisationen im Salat-Bett. Für den Haupt-Gang werden am 1. Juli 2017 von 11 bis 21 Uhr drei Gitarren, ein frisches Banjo und gemischtes Percussionwerk zum Sieden gebracht und am Tellerrand mit Glockenspiel garniert. Empfehlung des Hauses: Paar-Tanz im Kreuzungsbereich passt wesentlich besser zu Ananas als Ruhestörungsempörung.

Menschen und Mäuse
11. April 2017
Auf dem Weg durch Plagwitz flitzt eine Maus neben meinem Fahrrad her. Kurz verschwindet sie unter einem Palettenstapel, auf Höhe der Trampolin-Anstalt verliere ich sie gänzlich aus den Augen, doch schon taucht sie einige Meter vor mir wieder im Heckenrosen-Gestrüpp auf. Seltsam, sie scheint dasselbe Ziel zu haben, nimmt sie doch geradewegs Kurs aufs jelängerjelieber. Noch seltsamer ist, dass der Hund, der neuerdings eine Katze sein möchte, keinerlei Absichten hegt, sie zu jagen. Als ich den Laden aufschließe, sehe ich sie gerade noch in ein Erdloch unter dem Kreuzungsbaum schlüpfen.
Eine Kanne Kaffee, 600 Gramm gesiebten Beton und zwei Stunden Videoschnitt später höre ich ein respektables Kreischen. Ein kleines Mädchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestikuliert wild in Richtung der Baumwurzeln, doch die Eltern lassen sich nicht erweichen: „Egal, ob du Mäuse oder weiße Tiger siehst, wir gehen in jedem Fall zum Zahnarzt, Melanie!“
Auf dem Weg zum Briefmarkenfachgeschäft kreuzt ein freilaufendes Buch meinen Weg. Ich schlage es testweise irgendwo in der Mitte auf und lese erstaunt: Die Vorhaben von Mäusen und Menschen gehen meistens schief.

Schaufensterpolka & Bordsteinblues
20. Mai 2016
Oder: Sommerpicknick mit Instrumenten! Es wird aufgetischt: flüssige und feste Nahrhaftigkeiten; Tasten-, Blech- und Saitengerät nebst Verstärkendem sowie eine mittelgroße Portion Zeit. Das jelängerjelieber stimmt für die experimentellen akustischen Begegnungen am Freitag, den 27. und Sonnabend, den 28. Mai 2016 schon mal Nachbar*innen, Abendtemperaturen und das neurotische Piano milde. Bon Appetit!

Tag der offenen Ateliers
12. Oktober 2015
Absichtsvoll oder versehentlich, kontexthungrig oder kunstüberdrüssig: Am 11. Oktober 2015 von 14 bis 19 Uhr servieren Robert Verch und Eva Olivin Kaffee und Auskünfte. Letztere sind beim weit herumgekommenen Publikum der Offenen Ateliers deutlich mehr nachgefragt und wir provozieren selbstverständlich lieber einen Kultur- als einen Kaffeeschock. Die Fragen stellen sich offensichtlich von selbst.
Müssen die Rehe so kaputt sein?
– Nein, das ist eine übliche Nebenwirkung von Kunst im öffentlichen Raum.
Hat diese Uhr absichtlich keinen Stundenzeiger?
– Ja.
Könnt ihr von eurer Kunst leben?
– Nein, nicht annähernd.
Und ihr macht das trotzdem?
– Wir versuchen es einfach weiter.
Könnt ihr das Projekt mit dieser Überwachungsstation mal kurz erklären?
– Nein, ganz kurz geht das leider gar nicht. Aber es gibt noch Kaffee! Und eine Internet-Seite zum Projekt Es gibt viel zu tun, hau’n wir ab.
Ihr seid neu hier am Adler!
– An der Entstehung des Universums gemessen, ja.
Ein schöner Sonnen-Tag. Mit einem für die Kunst ungewöhnlich pünktlichem Feierabend.

Ouvertüre ohne Fanfare
11. April 2015
[mit einem Trommelwirbel beginnen]
Die Tür ist kaputt.
[nun bedächtig auf den Geigensaiten zupfen]
Der zuständige Handwerker hat sich nach halb getaner Arbeit in Luft aufgelöst. Leider verhalten sich im Falle einer Tür-Reparatur die Begriffe „halb“ und „gar nicht“ synonym. Wo ist er hin? Was ist passiert? Meine Mutmaßungen schmecken mir auch mit viel Ketchup nicht.
[ein paar vorlaute Flöten, eine müde Oboe und dazu immer mal auf die Pauke hauen]
Der Tag der offenen Tür ist ein allseits beliebtes Format, um Aufmerksamkeit zu erregen – und ein völlig überflüssiges noch dazu. Seit etlichen Wochen veranstalten wir die Tage der doppelt verschlossenen Tür und es bleibt nur staunend festzustellen: Je verschlossener der dysfunktionale Eingang und je aufwendiger das Verfahren, ihn für Herannahende zu öffnen, desto größer und bestimmter der Andrang und umso kurioser die Anliegen der Hinzugeeilten. Das Ladenlokal, das tatsächlich weder polnisch-schlesische Lebensmittel anbietet, noch spät in der Nacht ein paar Flaschen Bier gegen „was anderes Schönes“ eintauscht oder professionelle Beratung für Alkoholiker oder Kinderbetreuung organisiert, scheint nutzlos zu sein.
Als Projektionsfläche für die Bedürfnisse des Viertels bezeichnet eine befreundete Sozialpädagogin den Effekt, den Lage und Leuchtkraft dieses Ortes über die Schaufenster transportieren. Noch während sie die letzten Silben dieses Satzes aneinanderreiht, wird erneut an der Tür gerüttelt. Der Schlüssel versteckt sich unter einem Haufen alter Dias, zwei Umdrehungen später stolpert ein Mann hinein. „Ich möchte einige Gemälde verkaufen und dafür neue erwerben. Das ist doch hier mit Kunst…?“
Wieder nix. Nach den Gesetzen des Marktes ist dieser Ort ausgesprochen nutzlos.
[Stille]

Prekäre Party
22. November 2014
Problematisch perforiertes Privatleben.
Penetrant pulsierendes Pech.
Prognostizierte Pleite?
Die Anschlussparty zur Langen Nacht der Prekarität behandelt die Symptome prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse kurzentschlossen mit menschlicher Wärme und Pfeffi. Gegen musikalische Mangelernährung engagiert sich Klaus an den Abspielgeräten, für die langfristige Versorgung stellen wir extrem gute und sehr günstige Mixtapes her. [Zwei neunundneunzig! Das ist ein Top-Preis für so’ne Kassette! – Fabienne Blunck]. Für Menschen mit Allergien auf grüne Getränke gibt es auch noch gelbliche, orangefarbene und farblose Flüssigkeiten an der Bar und geraucht werden darf auch. jelängerjelieber.

Kaffee und Kuchen im Krisengebiet
08. Oktober 2014
Längst sind die sichtbaren Spuren des Geschehens verschwunden. Die Stände und Bühnen sind abgebaut, die Kabel eingerollt, der Müll ist bezwungen. Die Krähen kümmern sich noch um die restlose Entsorgung der Zuckerstreusel und Kokosraspel, die den Asphalt versüßen. Jetzt sieht es hier wieder aus wie sonst auch: eine Nebenstraßenkreuzung, trist und gewöhnlich. Rechts vor links. Aber eben nur im Sinne der Straßenverkehrsordnung. In den Gesprächen im Viertel ist er noch allgegenwärtig, dieser Tag leichtfüßiger Ko-Existenz aller Gegensätze, dieses fulminante Kreuzungsfest Nummer 1. Auf der Bühne Gangsta Rap mit eineindeutigen Texten – auf der Bierbank alte Omas mit Kuchen. Sie wippen rhytmisch. Warum auch nicht? Eine Kreuzung für alle – Freiräume für Kinder und Jugendliche, so heißt die Kundgebung, die Anlass für das erste Kiez-Festival am Adler war. Was ja nicht heißt, dass alte Omas nicht auch von diesen Freiräumen profitieren dürfen.
„Da gehen wir sowieso nicht hin. Da sind wir Kleinmesse.“, sagten die Jugendlichen, die zwar Freiräume brauchen, aber kein Interesse an einem Straßenfest im toten Winkel haben, wenn sie auch Achterbahn fahren könnten. Oder Autoscooter. Muss man verstehen. Und dann waren sie irgendwie doch alle da und packten mit an. Seither reden sie oft von dem Tag, an dem sie nicht die Einzigen waren, die auf dieser Kreuzung lagen und lachten.

No Go Area | Rückeroberung mit künstlerischen Umgangsformen
28. September 2014
Im Kreuzungsbereich Siemensstraße und Wachsmuthstraße im Leipziger Westen prallen seit längerem verschiedene Bedürfnisse aufeinander. Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht Schüler der Mittelschule „Am Adler“ sind, dürfen im Jugendclub „Am Adler“, der Räume im Schulgebäude nutzt, nicht mehr eingelassen werden und halten sich im erweiterten räumlichen Umfeld des Club-Eingangs auf. Zeitweise hindern Security-Angestellte diese Jugendlichen am Zutritt zum Club und sichern das Schulgelände. Genau an der Befugnisgrenze der Sicherheitsfirma sammeln sich täglich die Abgewiesenen und verbringen dort ihre Zeit. Die hinterlassenen Spuren ihrer Anwesenheit erzürnen Anwohnerinnen und Hausbesitzer gleichermaßen. Aufgrund angestammter und liebgewonnener Reviere bleibt trotz zunehmend eskalierender Verhältnisse nur der Kreuzungsbereich als Aufenthaltsraum. Unser Projekt thematisiert die Situation mit den Jugendlichen und bearbeitet ihr Raumbedürfnis mit künstlerischen Mitteln. In 8 Projektsitzungen erarbeiten und entdecken wir mit den Teilnehmenden spazierend, kartographierend, zeichnend, fotografierend, performend und textend unterschiedliche Zugänge zu ihrem Kiez. Wir probieren die verschiedenen künstlerischen Strategien gemeinsam aus und setzen die Erfahrungen in den Kontext zeitgenössischer Kunst und künstlerischer Praktiken. Die Ausstellung No Go Area bereitet die Erlebnisse des Workshops auf und will die unkonventionellen Ansätze der Nachbarschaft zugänglich machen.
Konzept und Umsetzung: Robert Verch & Eva Olivin
Das Projekt wird gefördert im Rahmen von:
Das fliegende Atelier – Bewegung Kunst
BBK Leipzig e.V.

Unbekannte aller Liquiditäten – meldet euch!
13. Januar 2014
Nicht alles, was anfangs nach Existenzangst und Abschied riecht, entpuppt sich nachher als tatsächliches Fiasko. Kaum verliert man die Arbeitsraum-Partnerin und damit auch die Miete-Mitzahlerin, kribbelt es unangenehm in den Zehen. Bevor die Sorge jedoch in die Kniekehlen aufsteigen und ratzefatze den kompletten Überlebensapparat lahmlegen kann, erhält man ganz unerwartete Antworten auf die anachronistischste aller Mobilisierungsformen: die Annonce.
Das jelängerjelieber sucht ab sofort zwei neue Mitmieter*innen. Für 70 Euro pro Monat steht im Ladenlokal Raum für alle möglichen Nutzungsinteressen zur Verfügung, von digitaler Denkarbeit bis zu performativem Legetrick ist alles verhandelbar. Allerdings ist die Lage des Ladens so famos, dass auch die im Kiez ansässigen Jugendlichen ihr Leben dem Trottoir vor der Tür widmen und die Ruhe der Natur nur vormittags unbescholten genossen werden kann. Wer Lust hat, bei Kaffee und Keks oder Schnaps und Gurke die Räume zu besichtigen und das Terrain zu sondieren, der oder die melde sich flugs.

Und dann sind die neuen Mitstreiter*innen gar nicht unbekannt, sondern altbekannt und überaus gern gelitten. Im frischen Wind kann man sich die Haare fönen und auch wenn nichts für ewig garantiert wird: das jelängerjelieber bleibt. Muss ja.

Auf der anderen Seite
06. August 2013
Ganz unvermittelt sind wir in einen Krieg geraten. Ich hatte gar keinen bestellt und auch angezettelt hatte ich ihn nicht – zumindest nicht wissentlich. Und doch hatte irgendeine seltsame Mixtur aus städtischer Sparpolitik und jugendlichem Selbstbehauptungsdrang eine Eigendynamik entwickelt, die das unverkennbare Potential schuf, unser Allzweck-Arbeitsraum-Inselchen in Schutt und Asche zu legen.
Ich übertreibe? Nein.
Das kann doch gar nicht sein? Doch.
Stell‘ dir vor, du sitzt im Glashaus – große Schaufenster zu zwei Seiten schaffen nunmal eine gewisse Transparenz – und draußen auf der Kreuzung vergnügen sich annähernd 30 Jugendliche damit, die ohnehin schon funktionsgestörte Sicherheitsjalousie, die eher unvorteilhaft die Eingangstür verhängt, mit allem einzudreschen, das sie finden können. Klar, das kann ja mal passieren, denkst du dir. Hormonstau, vielleicht. Oder was Schlechtes gegessen. Also machst du deutlich, dass du keine Schaufensterpuppe, sondern ein denkendes und hoffentlich auch weise handelndes Lebewesen bist, stehst auf und winkst. Großes Gejohle auf der anderen Seite der Scheibe. Manche Damen, die sich eben noch im Spiegelbild des Schaufensters die Haare nachfrisiert haben, schrecken zusammen und kreischen ob deiner Beweglichkeit. Es kommt zur ungefilterten Begegnung. Vis-à-vis. Ungünstigerweise bist du zwei Köpfe kleiner als die Spargeltarzane, die sich dir entgegenstellen. Egal, sprichst du halt in die zukünftige Brustbehaarung deines Gegenübers.
Du machst ein aus deiner Sicht faires Angebot: Ihr könnt hier sehr gern weiter rumlungern, euren Müll in alle erdenklichen Ritzen stopfen, eure Liebes-Biographien auf die Treppe und die Fassade rotzen und unerträglich viel Lärm verursachen, solange ihr die Hardware da lasst, wo sie hingehört! Das formulierst du vor dem Aussprechen noch schnell um: Ihr könnt euch gern hier aufhalten, aber sobald ihr euch ein zweites Standbein als Abriss-Unternehmen aufzubauen versucht, endet meine Gastfreundschaft! Es scheint fast so, als wäre die Botschaft angekommen. Sie unterschreiben die Vereinbarung mit frischer Spucke auf deinem Schuh.
4 Wochen später
Die Jalousie ist mittlerweile gefallen, die Schaufenster sind vorerst ausreichend mit Schlammabdrücken gezielt dagegen geschroteter Fußbälle markiert und den literarischen Ergüssen einer bisher zu unrecht geringschätzten Form assoziativer Kurzprosa – im Stil von [Paula ist eine Hure / Paula ist hässlich / Schatz…! Ich liebe dich! (T) von Lisa / Karim war’s] – ist endlich eine interaktive Form der Anwohner-Einbindung hinzugefügt worden:
Like für diese Beschmierung
liken:
Nur irgendwie hat es noch niemand geliked. Haben die Autor*innen möglicherweise selbst eine kritische Distanz zu ihrem Werk? Nein, sie schießen nur zur Abwechslung mal Flaschen und Fußbälle auf parkende Autos. Also Entspannung, du hast ja kein Auto mehr, das du hier parken könntest. Nachdem du dank deiner guten sozialpädagogischen Kinderstube alle Angebote deiner Freunde, maskierte Schlägertrupps vorbeizuschicken, abgewehrt hast, verfällst du auf die subtilste aller kriegerischen Strategien. Du verbündest dich mit den Pädagog*innen ihres Schulclubs, planst gemeinsame fröhlich-friedliche Fest-Aktivitäten, kurzum: Du machst dir die Horde minder reflektierter, dafür stark frustrierter Outdoor-Aktivisten langsam, aber sicher zu Freunden. Ohne ihr Einverständnis, versteht sich.
Und weil die Sommerferien so eine wunderbar rudelsprengende Wirkung haben, kommst du sogar wieder zum Arbeiten. Oder zu etwas, das entfernte Ähnlichkeit damit hat. Aus dem Regal gefallene Gegenstände an die Wand nageln, vielleicht. Das sieht sogar durch ein Schaufenster mit Fußball-Abdrücken ganz ansehnlich aus.

Mein blaues Wunder
04. Juli 2012
Mit jeder Zigarette, die ich auf den Stufen vor dem Atelier rauche, während ich das Treiben auf der Kreuzung beobachte, bleibt die Zeit stehen. Mürrische Väter, die quengelnde Kinder hinter sich herschleifen, halten inne und streicheln den kleinen sandfarbenen Hund, bis sie von ihren Kindern zum Aufbruch gemahnt werden. Nachbarinnen unterbrechen ihre Wege durchs Viertel für ein kurzes Gespräch und erzählen Geschichten von Grünpflanzen und Gerichtsterminen, von früher ansässigen Geschäften und Schnaps in Gartenlokalen, bis die Sonne untergegangen ist und die Nachtkälte in die Häuserschluchten einsinkt. Versicherungsmakler, Hausmeister, ehemalige Mieter des Ladenlokals – sie alle verharren für eine Zigarettenlänge an diesem Ort und erzählen die unglaublichsten Dinge.
Am späten Nachmittag bleibt eine ältere Dame vor meinem Rauch-Treppchen stehen. „Sie entschuldigen,“, sagt sie, „können Sie mir vielleicht Auskunft geben? Wie kann man solchen Laden mieten?“
Ich rate ihr, die jeweilige Hausverwaltung zu kontaktieren, notfalls, indem sie sich bei anderen Mieter*innen nach den Kontaktdaten erkundigt. Dann beschreibe ich ihr die Fläche und die Konditionen. Sie blickt unschlüssig, also bitte ich sie herein und zeige ihr die Räume, damit kein sprachliches Mißverständnis aufkommt. Sie streicht mit der Hand über die Holzplatten der Arbeitstische, inspiziert das Bad und nachdem ihr Blick auf das Klavier in meinem Zimmerchen gefallen ist, überschlägt sich ihre Stimme fast, als sie fragt: „Spielen Sie?“ „Ja…, nein. Ich versuche, es zu lernen.“, antworte ich. Ihre Finger schlagen prüfend ein paar Tasten an. „Ich war Klavierlehrerin,“, erwidert sie stolz und ihr ganzer Körper nimmt eine aufrechtere Haltung an, „meine Tochter Pianistin am Orchester in Moskau. Wollen Sie Unterricht?“
Ich bin zugleich überrumpelt und überzeugt. Doch noch bevor ich zu einer Antwort ausholen kann, bemerkt sie meinen russischen Notiz-Zettel. „Sie sprechen Russisch?“, fragt sie ungläubig, aber mit fordernder Strenge. „Nein…, naja – ich versuche, auch das zu lernen.“ Ein russischer Wortschwall geht auf mich nieder. Sie fuchtelt mit den Armen, versprüht Enthusiasmus mit hohen Erwartungen. „Nein, nicht so schnell, so gut bin ich nicht…“, versuche ich, sie zu bremsen, aber sie vollführt eine rasante Drehung im Raum und bellt mich voller Überzeugung an: „Sie brauchen russischen Klavierunterricht!“
Sie bestellt mich für den nächsten Tag zu ihr nach Hause und schenkt mir ein Milchspeise-Eis.

Einbeinige Banditen – ein Nachruf
04. Juli 2012
Paul, seit mehreren Jahren treues Arbeitszimmer-Skelett, ist mucksmäuschenstill und ohne Wirbel oder Fingerglieder zu hinterlassen, von uns gegangen. Vielleicht war ihm, dem die akademische Vergangenheit in den Schädel geschrieben stand, und der bis zuletzt einen seltsam chemischen Duft verstrahlte, der tatsächlich besser in die anatomischen Kabinette der Technischen Universität Dresden zu passen schien, das Leben in Wohngemeinschaften, Projekträumen und Ateliers zu bunt geworden. Vielleicht wollte er, obwohl es um seinen Gesundheitszustand längst nicht mehr zum Besten stand und seine Mobilität seit dem Unterschenkelverlust stark eingeschränkt war, noch einmal richtig um die Häuser ziehen. Alte Freunde besuchen? Flotte Gerippchen kennenlernen? So überrascht und entsetzt wir von seinem radikalen Weggang auch sind: Wir wünschen ihm Glück da draußen, solide Weggefährten und allzeit gute Fahrt.
PS: Du hast deine Halskrause vergessen. Und du weißt, dass du bei uns jederzeit willkommen bist, falls du zurückkehren möchtest. Halt die Ohren steif, Paule.